Auf drei Fragen: Industrie 4.0 in der Produktionstechnik

Herr Prof. Dr. Fiedler ist Professor für Werkzeugmaschinen und Fertigungsverfahren an der THM in Friedberg. Herr Christian Abt M. Sc. arbeitet und forscht im Labor für Produktion. Beide bauen derzeit eine Lernfabrik auf.
Auf drei Fragen
erklären sie uns die zukünftigen Entwicklungen der Industrie 4.0 aus ihrer Sicht und zeigen, welche Rolle eine Lernfabrik dabei spielt.

 

Wo sehen Sie die Verknüpfung zwischen Ihrem Fachbereich der Produktionstechnik und dem Thema Industrie 4.0?

Prof. Dr. Fiedler: Wir vertreten mit der Produktionstechnik diejenigen, die die Konzepte der Industrie 4.0 direkt anwenden. Wir nehmen aber auch eine kritische Haltung ein und stellen uns immer wieder die Fragen: Was bringt uns das Ganze eigentlich? Welchen Mehrwert hat es für ein Unternehmen, wenn digitalisiert wird und Maschinen, Anlagen oder Produkte mit Sensoriken versehen und vernetzt werden?

Die Grenze von Industrie 4.0 ist nicht klar definiert. Was zählt zu Industrie 4.0? Ist es z.B. die Papierlose Fertigung? Die gibt es bereits!

Mit unserer Lernfabrik, die wir momentan mit unseren Studenten gestalten, kann man in einer Simulation den Weg eines Produktes durch die Firma erfahren. Techniken und deren Wirtschaftlichkeit können so erlebt und verstanden werden. Wir sehen uns dabei als kleines Unternehmen und hinterfragen immer wieder kritisch, wo wir Elemente der Industrie 4.0 unterbringen können und ob es einen Mehrwert für uns generiert.

 

Wo sehen sie die Industrie 4.0 in 10 Jahren?

Prof. Dr. Fiedler: In 10 Jahren sehe ich Elemente der digitalen Welt als ein selbstverständliches Hilfsmittel in der Produktion. Wir haben mit einem Industriebetrieb zusammengearbeitet, um bei der Implementierung von Industrie 4.0 zu unterstützen und herauszufinden, was dabei wichtig ist. Das Ergebnis war simpel: Der Umgang mit Smartphones und Computern ist für junge Mitarbeiter selbstverständlich, im Betrieb aber noch nicht angekommen. Beispielsweise durfte ein Schaden an einer Maschine nicht mit dem Smartphone fotografiert werden, sondern eine Betriebskamera musste ausgeliehen werden, was den Vorgang kompliziert und zeitaufwändig machte. Auch die Bildschirme waren nicht in Farbe. Was heute für junge Leute zum Alltag gehört, wird in 10 Jahren auch im Unternehmen Standard sein.

Hr. Abt: Wir versuchen zu vermitteln, dass das, was mit der Industrie 4.0 auf die Unternehmen zuzukommen scheint, nichts Neuartiges ist. Schon heute werden beispielsweise sehr viele Daten gesammelt. Was ein Unternehmen mit all den Daten macht, und wofür es sie braucht, ist jedoch noch ein großes Fragezeichen. Gesammelte Daten werden erst nützlich, wenn sie in ein System gebracht werden, das sie verarbeiten kann. Die Technik dazu ist vorhanden, nicht aber das nötige Wissen über die Handhabung der Technik. Die Datenverarbeitung ist ein Problem, was in den folgenden 10 Jahren zu klären ist.

Viele Forschungseinrichtungen und Hochschulen sind sich einig, dass das kollaborative Arbeiten zusammen mit Robotern in der Form, wie es heute propagiert wird, in den nächsten 10 Jahren und wahrscheinlich darüber hinaus nicht stattfinden wird. Was sich verändert, ist die Arbeit. Mitarbeiter müssen auf die digitale Vernetzung vorbereitet und entsprechend geschult werden. Davon sind alle Mitarbeiter eines Unternehmens betroffen, sowohl die Werker und die Reinigungskräfte, als auch das Top-Management. Das wird eine der größten Herausforderungen werden. Einen ähnlichen Wandel führten bereits zahlreiche Unternehmen durch, die in ihrer Vergangenheit autoritär geführt wurden. Sie wechselten von klassischen auf moderne Produktionssysteme und setzen heute auf flachen Hierarchien und Gruppenarbeit. Vor der gleichen Aufgabe stehen wir mit Industrie 4.0, nur dass es sich hier zwischen den realen Produktionssystemen und der digitalen Technologie abspielt. Unser Ziel ist es, diesen Prozess abzubilden und dabei die Komponente Mensch und Technik zu verbinden.

Wie würden Sie als Entscheidungsträger in einem mittelständischen Unternehmen die Implementierung von Industrie 4.0 beginnen?

Prof. Dr. Fiedler: Als Entscheidungsträger würde ich nur die Elemente der Industrie 4.0 einsetzen, die die Wirtschaftlichkeit meines Unternehmens steigern. Wenn ich risikobereit und technikaffin bin, kann ich Elemente testen ohne zu wissen, ob diese einen Vorteil haben. Das ist momentan die generelle Haltung: jeder wartet ab, und schaut, welche Technik bzw. Thematik man einführen kann. Das ist genau die Schwierigkeit und das wird auch Teil der Lernfabrik. Wir möchten ein Gefühl dafür bekommen, an welchen Stellen der Wertschöpfungskette wir digitale Unterstützung brauchen. Deshalb kann ich diese Frage heute noch nicht beantworten.

 

 

Auf drei Fragen: Industrie 4.0 in der Produktionstechnik

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